Für den Save-Me-Kaizer Adventskalender 2006 durften wir mit der Erlaubnis des Autors Jan Zahl und des Tiden Verlags einige Passagen aus dem neu erschienenen Buch Kontroll på Kontinentet ins Deutsche übertragen. Hier könnt ihr nochmal nachlesen, was Jan Zahl auf der Maestro-Tour 2005 erlebt hat und wie Kaizers Orchestra entstanden ist.
Jan Zahl begibt sich Ende 2005 mit Kaizers Orchestra auf die Maestro Tour, um Material für sein geplantes Buch zu sammeln. Doch vorher müssen einige Dinge geklärt werden, denn das Tourleben hat ganz klare Regeln…
"Regel Nummer eins", sagt Tor, und ich bin der straighte Edward
Norton, während er der toughe Brad Pitt ist. Oder besser gesagt, Tyler
Durden, der mich – den Erzähler – in die Regeln für
Fight Club einweihen muss. Als wüsste ich nicht, was Regel Nummer eins
ist: Sprich nie über den Fight Club.
"Regel Nummer eins", sagt Tor. "Es ist nicht erlaubt im Bus
zu scheißen."
Kaizers Orchestra ist also nicht Fight Club. Die Chancen sind mikroskopisch
klein, dass die zweite Regel "SPRICH NIE über Kaizers Orchestra"
lauten wird.
"Regel Nummer zwei: Setz dich beim Pinkeln hin.", sagt Tor.
"Jaha", sage ich. Echte Männer sitzen doch nicht beim Pinkeln.
Und Rocker?
Aber es wird im Bus schon unangenehm genug riechen, wenn 14 Mann einen Monat
darin leben werden, selbst wenn sich die kleine chemische Touristentoilette
nicht mit unserer Scheiße abplagen muss. Oder mit den Urinspritzern,
die sich überall im kleinen Bad verteilen, wenn 14 Mann dort stehen und
halbbetrunken zielen, im Halbdunkel, bei 100 km/h durch Norwegen und Europa.
Ich kenne Tor nicht, habe ihn gerade erst kennen gelernt, weiß nur,
dass er einer der erfahrensten Roadies Norwegens ist, dass er dieses Spielchen,
das Leben unterwegs und die Regeln für den Bus, sowohl die geschriebenen
als auch die ungeschriebenen, kennt. Ich war vielleicht lange an der Universität,
aber hier muss ich noch alles lernen.
"Die dritte Regel ist: Liege mit den Beinen in Fahrtrichtung. Sollte
der Bus scharf bremsen, brechen die Fußgelenke, nicht der Hals."
S. 11-14 im Buch "Kontroll På Kontinentet"
Die ersten Tage auf Tour sind hart für den zarten Jan Zahl, so ein Leben im Bus ist halt nicht für Jedermann geeignet. Lest selbst wie es sich in einem Tourbus schläft…
Wie soll ich dieses Leben mehr als einen Monat lang aushalten, wenn ich es
nicht schaffe, im Bus zu schlafen? Das ganze Tourprinzip ist ja, während
man zwischen den Auftrittsorten hin und herfährt, zu schlafen. So spart
man Ausgaben für Hotels und schläft sich durch die langweiligen
Transportetappen, die je nach dem zwischen drei, vier Stunden zwischen Städten
in Dänemark und Deutschland und bis zu 18 Stunden zwischen Paris und
Barcelona dauern können. Sollte ich mich nicht an das Gebrumm und das
Schaukeln im Bus gewöhnen, werde ich noch vor Svinesund psychotisch werden.
Das wird eine lange Nacht. Ich drehe mich noch einmal um, versuche das unförmige
Kissen neu zusammenzurollen, stoße in dieser völligen Dunkelheit
mit meiner Nasenspitze an das Dach direkt über mir. Ich trete mit den
Füßen und versuche eine Position zu finden, in der mein Körper
weder juckt noch schmerzt. Einen kleinen Augenblick lang bekomme ich Panik
und Klaustrophobie, ich liege in einem dunklen Sarg und der Bus ist der Leichenwagen,
der mich zu meiner eigenen Beerdigung bringen wird. Oh, Gott lässt mich
für immer gepeinigt sein. Aber dann sehe ich durch die Gardine schwaches
Licht draußen, die Angst geht vorbei, und ich versuche mich noch einmal
zu wenden. Es hilft nichts.
S. 26 im Buch "Kontroll På Kontinentet"
nach obenJan Ove und Geir machten schon zu Schulzeiten Musik...
Jan Ove bekam seine erste Gitarre 1990 zur Konfirmation von der Großmutter
geschenkt. Er war von all den Gitarren im Keller zu Hause bei Geir inspiriert
worden und hatte ein Jahr lang die Eltern angequengelt.
Das erste halbe Jahr war er fleißig. Aber nachdem die erste steile Lernkurve
flach auslief, wurde er dessen überdrüssig und legte die Gitarre
für eine Weile weg. Jan Ove sollte nie ein großer Instrumentalist
werden.
Janove: "Ich war von Anfang an ein Songwriter. Lernte nur gerade so gut
zu spielen, dass ich meine eigenen Lieder und ein paar ganz nette Coversongs
hinbekam."
Vier Jahre später, nach unendlich vielen Runden mit "The Boxer"
von Simon and Garfunkel, "Patience" von Guns'n'Roses und "Even
in his youth" von Nirvana, unternahmen Jan Ove und Geir den Schritt aus
dem Kellerraum heraus in ein Studio in Klepp, vier fünf Kilometer nördlich
die Staatstraße 44 rauf. Das Studio lag im Keller eines mageren, kleinen
Typen mit harter Vokuhila-Frisur, der zwar nicht Daffy hieß, aber allen
nur unter diesem Namen bekannt war.
Daffy war ein alter Metaller aus den 80ern, der in der lebensgefährlichen
Band Hell Patrol aus Verdalen/Sandnes Bass gespielt hatte. Er bemühte
sich immer noch, besonders heavy und rockig zu sein, wenn er auf junge glotzende
Musiksprösslinge traf.
Daffy trank roten Brennspiritus nur um zu zeigen, dass es möglich war.
Dann wurde er rabiat und kletterte auf das Mischpult. Danach übergab
er sich ins Spülbecken. Der Arbeitstag im Studio war vorbei, wenn Daffy
einschlief.
Eigentlich begann Jan Ove und Geirs Musikkarriere wie ein Witz. Janove und
Geir landeten in der Grundschule in derselben Klasse und entwickelten durch
die Jahre eine Kameradschaft, die vor allem auf gemeinsamem Humor basierte.
Janove: "Wir waren sowohl in der Klasse als auch außerhalb lustig
drauf und durften im Klassenzimmer nie nebeneinander sitzen, weil wir sonst
zu viel Unfug anstellten."
Geir: "Wir tauschen die ganze Zeit Ideen aus. Unsere Schulaufsätze
waren eigentlich an den anderen gerichtet. Wir waren ein exklusiver Kreis
bestehend aus zwei Personen, und da wir niemanden sonst hatten, dem wir imponieren
konnten, waren wir die ganze Zeit damit beschäftigt, dem jeweils anderen
zu imponieren."
S. 28 im Buch "Kontroll På Kontinentet"
nach obenMaestro-Tour 2005: Eine Nacht in Ålborg bringt einige Komplikationen mit sich…
Geir und Geoff gingen zum erstbesten Hotel, um sich ein Hotelzimmer zu suchen.
Da flackerte der Rezeptionist verdächtig mit den Augen, während
er erklärte, dass das Hotel leider ausgebucht sei.
Der Rezeptionist im nächsten Hotel war ehrlicher. Den Regeln zufolge
war es zu spät – oder zu früh - um ein Zimmer zu bekommen.
Die zwei Kanaillen versuchten, den Mann an der Rezeption zu überreden,
doch großherzig zu sein und auf die Regeln zu pfeifen, aber bekamen
nur zu hören, dass sie als Gäste nicht erwünscht waren.
"Kann ich wenigstens die Toilette benutzen?", fragte Geir, der dringend
musste, immer noch einigermaßen höflich.
"Nein, die Toilette ist nur für Gäste", antwortete der
Mann, und damit gab es nun endgültig eine Catch 22-Situation.
Geoff versuchte den Mann hinter der Theke vom menschlichen Aspekt der Sache
zu überzeugen. Hier standen ja trotz allem zwei Mitmenschen, die nach
einer langen Nacht in Ålborg sowohl müde waren als auch mal dringend
mussten. Aber noch nicht einmal ein redegewandter, gut gekleideter Kanadier
konnte dem Rezeptionisten Mitgefühl entlocken.
Wenn es eine Sache gibt, die bezeichnend für Geir ist, dann ist es ein
sehr starker, zeitweise zu starker Gerechtigkeitssinn bis hin zur Grenze des
Bizarren. Dieser Gerechtigkeitssinn ist an strenges logisches Denken und klare
Zusammenhänge zwischen Ursache und Wirkung gekoppelt. Im Rückblick
findet Geir, dass er dem Rezeptionisten praktisch die Wahl überlassen
hatte: Der Mann hinter der Theke konnte entweder Geirs Freund oder sein Feind
werden. Der Rezeptionist wählte Letzteres, und das hatte Konsequenzen.
"Wenn ich hier weder Gast sein noch auf die Toilette gehen darf, muss
ich wohl oder übel auf dein Fenster pinkeln", erklärte Geir.
S. 50 im Buch "Kontroll På Kontinentet"
nach obenMaestro Tour 2005: Die nächste Station der Tour ist Hamburg. In St. Pauli herrscht gute Stimmung, es gibt aber auch Zweifel an der Zukunft der Band in Europa...
Eigentlich wollten Band und Crew einen Tag früher nach Hamburg fahren.
Alle hatten mehr Lust auf einen freien Tag in Hamburg als auf einen Parkplatz
in Odense. Aber laut Bjarke und Fritz gibt es dort keine Parkplätze,
wo der Bus Strom bekommen kann und es Toiletten gibt.
Nachdem man vor dem Knust gut geparkt hat, zeigt es sich, dass das natürlich
Quatsch war. Wir hätten wohl einen Tag früher herkommen können.
Ja ja. So haben wir auf jeden Fall alle einen ordentlichen Blick auf Odense
geworfen. Ein Tipp für alle, die an einem ganz gewöhnlichen Montagabend
nach Odense wollen: dort passiert absolut gar nichts.
Das Knust liegt im Stadtviertel St. Pauli, das voller Graffitis, Kebabbuden,
Secondhand-Läden und coolen Cafés ist. Es ist wahrscheinlich das
hippeste Stadtviertel in ganz Hamburg. St. Pauli ist ein bisschen radikal,
freakig und antikommerziell – obwohl die coolen Klamottenläden
arschteuer sind und hyperkapitalistische Marken wie Energie und Replay führen.
Es ist halt wichtig, an dem Tag, an dem die Revolution kommt, cool angezogen
zu sein.
„Great place“, sagt der Whiskey Rabbi nach einer kurzen Erkundungstour.
„It’s a bit of chaos here. Dirty.“
„You like places that are dirty?“
„Yeah. It gives them kind of a human touch“, sagt Geoff.
Terje, Øyvind, Rune und ich sind uns auf unserem Spaziergang durch
den Stadtteil an diesem klaren, grellen Spätsommermorgen einig darüber,
dass die Stimmung hier sehr gut ist. Das erste Mal, als Kaizers in Hamburg
spielten, kamen achtzig Leute. Das zweite Mal, im Knust, kamen ein paar Hundert.
Dieses Mal sind 350 Karten im Vorverkauf weggegangen. Es gibt also jedes Mal
eine Verdopplung, aber für die ungeduldige Band geht das zu langsam.
„Wenn nicht mehr als 500 kommen, ist das das letzte Mal, dass wir in
Hamburg spielen“, sagt Geir bestimmt.
„Das Problem daran, sich in Europa durch das Spielen in Clubs zu etablieren,
ist, dass es sich nicht rentiert, bis du mit der Karriere fertig bist. Wir
müssen jeden Abend 1500 Zuschauer haben, damit sich das hier lohnt, und
in diesem Tempo wird es noch drei Jahre dauern, bis wir soweit sind. So viel
Zeit haben wir nicht,“ sagt Janove.
S. 68 im Buch "Kontroll På Kontinentet"
nach obenMaestro Tour 2005, Frankfurt: Warum Helge am Ende die Rettung der Band sein wird, wird in dieser Passage erklärt.
Draußen vor dem Batschkapp in Frankfurt sitzt Helge auf einem ausrangierten
Sofa und liest in der Bibel. Es ist vormittags, und jemand hat das alte hellblaue
Sofa im Hinterhof neben vier Abfallcontainern platziert. Um Helge herum riecht
es süßlich und eklig nach verdorbenem Essen und Kompost, und direkt
hinter ihm lärmt ein Zug vorbei.
Aber das scheint ihn nicht zu stören. Helge ist Mitten im Matthäus
Evangelium, genauer gesagt da, wo es darum geht, dass niemand den Tag oder
die Stunde (Anm. SMK: seines Todes) kennt. Das Leben in diesem Jammertal von
Welt kann vorbei sein, bevor man sich versieht, daher gilt es sich umzuwenden
und bereit zu sein.
Helge lächelt, während ich mit ihm spreche. Er ist sich sicher.
Er weiß, dass er in den Himmel kommt.
„Wie denkst du darüber, dass die meisten im Bus zu ewigem Pein
verdammt sind, wenn alles, woran du glaubst, stimmt?“
Helge zögert ein bisschen.
„Nja. Man braucht ja nur mit dem Glauben beginnen. Ich gebe ja mein
Bestes, damit sie umkehren. Ich bete ja für sie“, antwortet Helge.
Er meint, dass es für Helge Sinn gemacht hat, dabei zu sein, wenn nur
ein einziger der sündigen Seelen im Kaizers Orchestra-Apparat sich umwendet
und bekehrt wird.
S. 84 im Buch "Kontroll På Kontinentet"
nach obenRückblick auf das Jahr 2000: Die Band gnom ist nicht besonders erfolgreich, aber der Song „Bastard“ kommt beim Publikum gut an. Man beschließt also, musikalisch bei „Bastard“ weiterzumachen, sucht aber auch nach einem neuen Namen. Neuer Name, neues Glück?
Kaizers Orchestra kam an dem Tag zur Welt, an dem das dritte Jahrtausend
in westlicher Zeitrechnung begann. Aber obwohl das offizielle Geburtsdatum
der 1.1.2000 ist, hatte das Kind seinen Namen schon ein paar Tage vorher bekommen,
und zwar eines Abends zwischen den Jahren in der Kneipe Thime Station in Bryne.
Janove: „Norwegische Musik war zu der Zeit unglaublich unpopulär,
und wir wollten keinen Namen, der nach einer typisch norwegischen Band klang.
Wir mochten das Wort „Kaizer“ aus „Bastard“ und dachten
darüber nach, ob wir uns einfach so nennen sollten. Aber dann sah das
ja mit „Orchestra“ hinten dran gut aus. Das passte gut zu den
ganzen seltsamen Instrumenten, die wir spielten.“ Obwohl der Name neu
war, blieb die Band dieselbe und die Musik ein Bastard. Der erste Auftritt
als Kaizers Orchestra war zusammen mit großen Teilen des Bergenser Rock-Milieus,
auf dem Ride This Train Festival für die Cato Skogstrand Gedenkstiftung,
im Garage am Freitag, den 21. Januar.
Fünf Wochen später hatte die Band ihr erstes eigenes Konzert im
Garage. Immer noch ohne sich entschieden zu haben. Die Woche darauf schrieb
Einar „der Engel“ Engelstad in Bergens Tidende den erste Zeitungsbericht
über Kaizers Orchestra:
„Kaizers Orchestra hießen früher Gnom, kamen aus Haugesund
und spielten Liedermacherpop. Zusammen mit dem Namen hat die Band auch ihren
musikalischen Stil geändert. Das heißt, sie arbeiten daran. Denn
das Konzert im Garage am Freitag enthüllte eine Band, die sich noch nicht
ganz entschieden hat. Teilweise hört sich die Band nach einer Mischung
aus Tom Waits, Kurt Weill und Tom Tveits samt Ölfässern und allem
möglichen an seltsamen Klapperinstrumenten an. Bei anderen Songs wiederum
geht es zurück zum Liedermacherpop. Die norwegischen Texte halten eine
gleichmäßig hohe Qualität ein, aber Kaizers Orchestra sollten
sich bald für eine musikalische Ausdrucksform entscheiden. Sie kriegen
beide hin, aber die Frage ist, ob die Klappervariante nicht die Spannendere
ist.“
In der Band rang man sich nicht ohne Schwertschlag und Strapazen zur neuen
musikalischen Ausdrucksform durch. Kaizers probten jeden Montagabend in der
Lehrerschule in Landås. So wie Geir sich erinnert, regnete es immer,
so dass sein Gitarrenkoffer konsequent durchnässt und schwer war, wenn
er ankam. Nach dem Erfolg mit „Bastard“ war Kaizers Jagd nach
neuen, metallenen Plingplongdingern zum Draufhauen fast suchtähnlich.
Geir: „Wir wussten, dass wir für jedes Konzert neue Ölfässer
brauchten. Wir sprechen hier nicht von besonders vielen Konzerten, aber wir
konnten dennoch nicht „Ölfässer“ auf den Rider schreiben.
Wir mussten sie selbst beschaffen und stellen.“
Somit waren Kaizers ständig auf nächtlichen Streifzügen, auf
der Jagd nach Ölfässern und Autofelgen. Oft fanden sie die Fässer
bei den Gaia Verkehrsbetrieben, nahmen sie mit und lackierten sie zu Hause
im Waschkeller in der Konsul Børs’ Straße. Und nachdem
gnom und Kaizers Orchestra eine Weile in der Lehrerschule geprobt hatten,
wurden die Metalleimer, die im Institut als Mülleimer gedient hatten,
durch Plastikeimer ersetzt.
Rune: „Es wurde in der Schule zum Gesprächsthema, was aus den metallenen
Mülleimern wurde. Das Mysterium wurde nie aufgeklärt.“
S. 70 im Buch "Kontroll På Kontinentet"
nach obenRückblick: Kaizers Orchestra sollen es auf der Bühne gemütlich haben, und dafür muss man was springen lassen. Aber bitte nicht zuviel. Außerdem: Wie ein Film zur Inspirationsquelle für ein ganzes Album wird.
Zusätzlich zu den Tonnen, Autofelgen, der alten, schiefen
Tischlampe, den Brecheisen und den Axtstielen hatte Helge ein altes Militärhelm
auf der Orgel und ein Bild von Martin Luther, das am Notenhalter stand. Von
Zeit zu Zeit zog sich der schweigsame Mann mit den dunklen Hundeaugen eine
alte Gasmaske über den Kopf. Kaizers hatten die Lampe, zwei Gasmasken
aus den Zeiten der Zivilverteidigung anno 1939 und das Martin Luther Bild
in einem Gebrauchtwarenladen gekauft, als sie einmal in einem Studentenschuppen
in Stavanger spielten. Da keiner Geld hatte, wurde das Zeug nach dem Prinzip
„das billigste ist gut genug“ gekauft. Und manchmal hat man mehr
Glück als Verstand.
Janove: „In diesem Laden standen zwei Bilder zu Verkauf. Das andere
Bild sah streng genommen besser aus, aber es kostete 300 Kronen. Das war viel
zu viel für uns. Es musste also Luther werden. Ihn gab es zum halben
Preis, er kostete nur 150 Kronen. Im Nachhinein war es wohl zum Besten, denn
das teure Bild stellte Heinrich Himmler dar.“
Janove selbst sagt, dass man einfach ein paar Requisiten und Zeug auf der
Bühne haben wollte. Dem Ganzen lag also keine Idee eines bestimmten Designs
oder Ausdrucks zu Grunde. Die Requisiten sehen trotzdem aus, als wären
sie direkt aus dem Film des Regisseurs Emir Kusturica, "Underground",
geholt worden. Das erste Mal, als Jan Ove "Underground" sah, war
es zufällig und in betrunkenem Zustand an einem Freitagabend in Paris,
als er dort als Au Pair lebte. Er schlief nach der ersten Stunde ein. Ein
paar Jahre später sah er zu Hause in Bergen den ganzen Film auf Video.
Janove: „In diesem Film herrscht eine verrückte Stimmung, und du
fragst dich, was du da eigentlich siehst. Elephanten springen in Jugoslawien
frei herum, die Leute feiern und tanzen wie blöd, obwohl Krieg herrscht.
Der Film schäumt über vor Lügen, Trinkgelagen und Bosheit.“
Kaizers Debüt Album ist wie ein Soundtrack zu "Underground",
während "Resistansen" scheinbar direkt aus dem Drehbuch des
Films geholt worden ist. Der Song schildert die Treppe, die zu Marcellos Keller
hinunterführt, wo gewöhnliche Leute und russische Ballerinas auf
dem Tisch tanzen, sich in den Kopf schießen und konfirmiert werden.
Jan Ove schrieb den ganzen Text innerhalb von einer Viertelstunde, als er
eines Tages im Lesesaal der U. Pihl Schule in Bergen saß und eigentlich
für die Prüfungen lernen sollte.
S. 107 im Buch "Kontroll På Kontinentet"
nach obenMaestro-Tour: Kaizers haben noch nie zuvor in Paris gespielt, daher sind Begegnungen mit den Journalisten dort nervig.
Nun gibt es wieder ein Interview der Sorte, die Kaizers zu geben pflegen,
wenn sie in einem Land in der Startphase sind. Janove und Geir übernehmen
das Reden, die anderen stehen nur da, Terje raucht abwesend, Rune und Øyvind,
die Netten, sehen aus wie lebensgefährliche Schläger.
Kaum eine Frage bekommt eine ordentliche Antwort, und die wenigen ehrlichen
Antworten, die kommen, hören sich im Großen und Ganzen gelogen
an. Eingeübte Einzeiler vermischen sich mit kryptischen Aussagen, die
den Eindruck einer mafiösen Mystik verstärken.
„Wie ist es für ihn, mit der Maske zu spielen?“, fragt der
Journalist und deutet auf Helge, der im Anzug und in Gasmaske da steht, steif
wie ein angesengter Zinnsoldat.
„Das wissen wir nicht. Wir haben ihn noch nicht gefragt“, sagt
Geir.
„Ihr habt ihn nicht gefragt?“
„Nein, und er hat uns auch nicht erzählt, warum er die Gasmaske
anhat“, sagt Geir.
„Warum heißt ihr Kaizers Orchestra?“, will der Journalist
wissen.
„Weil wir dem Kaizer sein Orchester sind. Mister Kaizer hat ein Orchester,
und das sind wir“, sagt Janove.
„Wer ist Mister Kaizer?“
„Das wissen wir nicht.“
„Das wisst ihr nicht?“
„Vielleicht wissen wir es, aber selbst dann können wir dir immer
noch nicht sagen, wer er ist. Vielleicht kann er es dir sagen“, sagt
Janove und deutet auf mich. Ich stehe hinter dem Kamerateam und bin nicht
im Bild zu sehen.
Ich spiele mit. „I could tell you, but then I would have to kill you“,
sage ich.
„Are you Mister Kaizer?“ fragt der französische Journalist
später.
„Maybe I am, maybe I am not“, antworte ich.
S. 133-134 im Buch "Kontroll På Kontinentet"
nach obenManchmal muss man etwas ganz Besonderes für die Fans tun…
Obwohl der Paris-Job in vielerlei Hinsicht eine Schlappe war, ist der Abend
auch voller Magie. Nach der Show trifft Janove ein Mädchen, das vor seinen
Augen in Tränen ausbricht. Sie ist vollkommen außer sich, weil
Kaizers nicht „Bris“ gespielt haben.
„Sie versuchte zum Konzert in Brüssel zu kommen, aber bekam keine
Mitfahrgelegenheit aus Paris heraus. Also kam sie stattdessen hierher“,
sagt Janove, als er wieder Backstage ist. Er ist nach der Tränenflut
ein wenig baff.
„Sie meinte, dass Kaizers Mischung aus Melancholie und Industrial Rock
genau in "Bris" zusammenkommt, dem Song, den wir nicht spielten“,
sagt Janove.
„Du hättest ihr das Lied ja einfach vorspielen können“,
sagt jemand Backstage.
„Ja, das hätte ich wohl“, sagt Janove.
„Ist das Mädchen weg?“, fragt ein anderer.
Daraufhin springt das halbe Backstage raus in die Konzerthalle, um das Mädchen
zu finden. Sie ist weg. Terje, Nils und Tor eilen die Treppen hinauf, hinaus
auf die Straße. Da draußen finden sie das Mädchen und ihre
drei Freunde, bringen sie dazu, umzukehren und mit ihnen zurück zum Boule
Noir zu kommen. Janove hat die Akustikgitarre aus der „Ausrüstung“
herausgeholt, die eigentlich gerade eingepackt und aus dem geschlossenen Lokal
hinausgetragen wird. Und so gibt es ein Privatkonzert. Janove sitzt auf der
langen Bank, die die ganze Wand in dem langen schmalen Lokal entlangläuft,
und singt, dass sein Name Kristoffer sei, dass er ein Kriegsopfer sei, während
die drei langhaarigen Kameraden des Mädchens auf dem Boden vor ihm eine
Gruppe bilden. Das Mädchen selbst, Terje und Rune bilden das Trio Nummer
zwei. Sie klammert sich so fest an ihren Händen, dass die Knöchel
ganz weiß sind, die Tränen laufen an ihr herab, und in einer bizarren
Mischung aus Kummer und Freude legt sie ihren Kopf abwechselnd auf die Schultern
der beiden Bandmitglieder.
„Das ist eine der seltsamsten Sachen, die ich je mitgemacht habe“,
sagt Terje hinterher. „Sie klammerte sich so fest an meine Hand, dass
es fast wehtat. Und dann saß sie da und schluchzte und weinte während
sie die ganze Zeit sagte: »This is my life, this is my life.«“
S. 135 im Buch "Kontroll På Kontinentet"
nach obenRückblick: Nach dem großen Erfolg von „Ompa Til Du Dør“ ist die Band mit dem Ruf als Partyband nicht zufrieden. Nicht zuletzt deswegen wird „Evig Pint“ sowohl thematisch als auch musikalisch düsterer als sein Vorgänger…
Janove: „"Min Kvite Russer" und "Die Grind" waren
die ersten Songs, die ich für das Album schrieb. Sie waren für die
Stimmung bestimmend. Ich wollte eine Mischung aus Trinkliedern und absurden
Erzählungen haben, wollte aber nicht, dass die Lieder so sehr zusammenhingen
wie auf dem ersten Album.“
Auch diesmal war Janove vom Film inspiriert, wenn auch nicht so direkt, wie
es bei Underground der Fall war. Eine Sache war, dass Kaizers auf der Ompa
Til Du Tour einen Kick durch White Russians bekommen hatten, nachdem sie den
Dude in The Big Lebowski gesehen hatten. Aber um die Stimmung auf Evig Pint
verstehen, ist der Film Dead Man Walking wichtiger, wo der zu Tode Verurteilte
mit der Nonne kommuniziert, die draußen seinen Kampf kämpft –
genau wie der früher so mächtige Mafiaboss und der Dirigent des
Teufels Orchester draußen auch ihren Mann haben, nämlich Sonny.
Der Mafiaboss ist das Opfer einer Verschwörung geworden, die ihn, mit
dem Todesurteil behängt, hinter Schloss und Riegel bringt. Aber Rache
ist für denjenigen, der wartet, süß, und der Chef organisiert
mit Hilfe Sonnys aus dem Gefängnis heraus einen blutigen Aufstand. Sonny
bekommt einen Ring an den Finger und die Liste mit den Namen der Involvierten.
Aber auch wenn sie außen hart sind, haben sowohl Sonny als auch sein
Chef Tage des Zweifels und der Unruhe. Sonny träumt sich mit Alkohol
hinfort, während der zu Tode Verurteilte auf sein Leben zurückschaut
und sich vor dem fürchtet, was geschieht, wenn alles vorbei ist. Zwei
von Geirs Texten waren von seiner Lektüre von Camus „Der Fremde“
inspiriert. Und so wie Meursault, die Hauptperson im Buch, sich mit Gedanken
um seine Existenz herumplagt, plagt sich der zu Tode Verurteilte in "Evig
Pint" mit seinen herum. Denn sollte es so etwas wie ein Leben nach dem
Tod geben, sind die Chancen groß, dass den Mafiaboss in der Hölle
ewige Pein erwartet. Egal wie sehr er Gott um Gnade bittet, nach einem Schlupfloch
in den Himmel sucht oder in der Nacht vor seinem Tod noch mehr Brandwein eingeschenkt
bekommt.
S. 164 im Buch "Kontroll På Kontinentet"
nach obenMaestro-Tour 2005: Kaizers sind im Backstage in München. Lest, warum Essen so wichtig ist und warum Geirs Hirn anders geschaffen ist…
„Das ist der Höhepunkt des ganzen Tages“, sagt Geir. Es
ist drei Uhr Nachmittag, draußen ist es auf einmal kalt, grau und Herbst
geworden. Und im Backstage-Bereich des Backstages haben wir gerade eben gefrühstückt.
Jeder Tag auf der Tour beginnt formell mit dem „get in“ um zwei
Uhr herum. Dann öffnet das Venue für die Band, die an dem Abend
spielen soll. Die Spielstätte/Auftrittsort stellt Hilfskräfte und
Arbeiter, die helfen, die Ausrüstung hineinzutragen und aufzubauen. Backstage
gibt es Brot, Aufschnitt, Obstkörbe und Snacks, auf die sich die Band
und die Crew nach einer langen Nacht und einem Vormittag ohne Essen mit einem
Bärenhunger stürzen.
Geir hat so eben Brot mit Aufschnitt verdrückt.
„Es gibt nichts Besseres als das für mich: das Frühstück
fertig, die erste Tasse Kaffee am Tag und ein bisschen was Süßes“,
sagt Geir und schmatzt glücklich auf einem Mini-Mars herum.
„Wenn du also am Abend vor 700 wilden Fans stehst und spielst, kommt
das nicht gegen eine Tasse Kaffee nach dem Frühstück an?“
„Eh. Nein, eigentlich geht es mir jetzt so gut. Das Einzige, was mich
ein wenig herunterzieht, ist, dass diese Tasse aus Plastik ist“, sagt
mein seltsamer Bruder.
Sein Hirn funktioniert nicht wie andere Hirne. Das hat Runes Gehirntest bewiesen.
Rune hat den Test an der ganzen Band ausprobiert: Du scrollst am Computer
eine Seite runter und addierst alle Zahlen, die nach und nach auftauchen.
Danach wirst Du gebeten an ein Werkzeug und eine Farbe zu denken. Vier von
sechs in der Band denken an einen „roten Hammer“, Helge denkt
an einen „roten Schraubenschlüssel“, während Geir an
eine „gelbe Säge“ denkt.
„Denkst du an etwas anderes als an „rot“ und „Hammer“,
gehörst du zu den zwei Prozent, die ein anders geschaffenes Gehirn haben“,
steht in dem Text, der auf den Test folgt.
S. 190 im Buch "Kontroll På Kontinentet"
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