Es ist unglaublich! Kaizers haben es wieder geschafft, den Prime Club zum Explodieren
zu bringen. Es ist faszinierend, dass eine Band mit Kontrabass und Pumporgel
für punkkonzertähnliche Zustände sorgen kann. Eigentlich brauche
ich ja hier gar nicht soviel zu schreiben, denn Kaizers waren wie immer großartig,
und das Publikum war wie immer, dank Janoves frauen(undmänner)herzenweichmachenden
Charme, willig.
Während The Holy Trinity, bestehend aus the Jackal, Killmaster und Hellraizer
vorne Krach machten, sorgte The Unholy Trinity, bestehend aus dem transylvanischem
Orgelmonster, dem minkigen Aschenbecheristen und dem absolut genialen neuen
Aggrobasser dem Publikum die Hölle heiß, frei nach dem Motto: Det
kan bli jævli varmt der nere!!! Besonders erstaunlich war, dass doch sehr
viele Leute die Texte mitsingen konnten, obwohl nur vier Norweger im Publikum
waren.
Nachdem uns Kaizers also gelehrt hatten wie man tanzt (shake it like a polaroid
picture!!!) und richtig "oh yeah!" sagt, Entschuldigung, schreit,
und nachdem das kalorienverbrauchende Gypsy Finale vorbei war, packten sie noch
ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk für uns aus: Eines der schönsten
Schunkellieder, die Kaizers zu bieten haben, mit dem denkwürdigen Titel
"Die Polizei". Leider ist dieser Song auf keinem Album erschienen
und wird immer eine Rarität bleiben. Insofern war das Prime Club Publikum
wirklich gesegnet. Mit einem immer leiser werdenden "Herr Polizei, Herr
Polizei" Gesang nahmen das Publikum und Kaizers Abschied voneinander, wohlwissend,
dass sie sich bestimmt bald wieder sehen werden.
Die AEH durften dann noch mit den Herren auf ein Bier in die Kneipe. Es wurden
mehrere Biere und Stunden, aber Kaizers UND die Crew (die wollen wir nicht vergessen!)
haben endgültig bewiesen, was für warmherzige und offene Menschen
sie sind, ganz weit entfernt von irgendwelchen Rockstar-Allüren.
That's the spirit!
Röck ön! Shirin
Unsere Frau in Norwegen hat wieder etwas zu berichten:

Fortuna scheint es verdammt gut mit mir zu meinen. Da fährt
man ganz ahnungslos nach Oslo, um ein paar Freunde zu besuchen, und was kommt:
eine eMail von Henning, der übrigens mit seiner Dr. Mowickels Akkutmottak
Seite eine der besten Fanseiten macht, die ich je gesehen habe. In dieser Mail
steht, dass die Herren Kaizer auf Grund eines abgesagten Konzertes in Schweden
kurzerhand beschlossen haben, ganz spontan ein klitzekleines, intimes Konzert
im Club Mono in Oslo zu spielen. Aargghhh!!! Da wird wohl nix aus dem geplanten
Laibachkonzert!
Da es nur ein Kartenkontingent von 150 Karten gibt (wenn sie intim sagen, dann
meinen sie intim!), treffen Henning und ich uns um 14 Uhr vor dem besagten Club,
wo der Vorverkauf um 15 Uhr beginnt. Hier lerne ich auch Truls kennen, ein grosser
Kaizers (und Kiss) Fan, der am Ende dieses Abends auf stolze 28 Konzerte zurückblicken
können wird. Und ich dachte schon, WIR wären bekloppt! Henning feiert
übrigens sein 20. Konzert. Während wir draussen stehen, wird drinnen
Soundcheck gemacht. Wir hören Geir "Container" singen! Das ist
Punk pur! Leider singt der Hellraizer ja nicht mehr live, was ich sehr schade
finde, jetzt, wo ich einmal in den Genuss seines Gesangs kommen durfte.
Da der Gig so kurzfristig angesetzt wurde, haben wir keine Probleme, noch Karten
zu bekommen. Ein paar seltsame Blicke und Kommentare seitens Tourmanager und
Roadies muss ich mir gefallen lassen, aber was kann ich dafür, dass Kaizers
in Oslo sind, wenn Ich da Ferien mache??
Um 21 Uhr bin ich dann wieder da. Ich treffe noch mehr Kaizers Fans, die ich
teilweise schon aus dem norwegischen Forum kenne, und gemeinsam stehen wir vor
der kleinen Bühne, die - man glaubt es kaum - noch kleiner ist als die
im Berliner Knaak. Mein erstes Kaizers Konzert in Oslo mit norwegischen Fans.
Das kann nur gut werden, und das wird es auch!!!

Um 22:15 betreten die Herrschaften die Bühne und eröffnen
das Konzert mit Evig Pint, das ich bisher nur in Rotterdam live gehört
habe. Helge ist wieder dabei, nur Jon, der Kontrabassist fehlt. An seiner Stelle
steht Prinz William, der Jon für die nächste
Zeit vertreten wird. Die Ähnlichkeit mit dem britischen Kronerben ist nun
mal frappierend, und der junge Mann geht mindestens genauso wild ab wie Jon.
Chapeau, kann ich nur sagen! Die Setliste ist wieder mal dieselbe wie immer,
aber der Spass ist auch der gleiche, nur dass diesmal alle mitsingen - und ich
gröhle lauthals mit. Das ist grandios!! Ich stelle mir vor, wie beeindruckend
das ist, wenn die Band im ausverkauften Rockefeller vor 8000 Leuten spielt.
Zwischendurch werde ich von der Band als Beweis für ihren Erfolg im Ausland
ausgenutzt, indem behauptet wird, dass ich ganz allein wegen ihnen nach Oslo
gekommen bin. Meine Proteste werden von Hellraizer abgewiesen. Sehr frech, diese Herren!
Der Höhepunkt des Abends ist, als die Band bei "Kontroll på
Kontinentet" statt der üblichen Introduktion der Bandmitglieder eine
absolut aberwitzige Reggae-Version des Liedes hinlegt. Das Publikum ist begeistert,
denn das ist nun etwas Neues, und es ist wirklich grossartig! Selbst ich, der
ich ja kein Reggae mag, bin beeindruckt!
Etwas schmerzhaft, aber trotzdem lustig (verzeih mir, lieber Gitarrist!) ist
es, als Killmaster bei seinen Turnübungen von der Bühne fällt.
Aua! Den Rest des Konzerts spielt er mit einem riesigen Riss am Hosenboden.
(Diese Hose befindet sich im Übrigen jetzt in meinem Besitz - ganz ohne
mein Zutun allerdings!)
Dann wäre noch die Schweigeminute zu erwähnen, die die Band auf Grund
des Todes von Johnny Cash einforderte. Ich bin zwar kein Cash Fan, aber es ist
schön, wenn Menschen ihren Meistern auf diese Art und Weise huldigen. Kaizers
sind halt auch nur Fans! Janoves Tribut geht sogar soweit, dass er bei "De
Involverte" statt Sonny "Johnny" singt. Das muss Liebe sein...
Und schon wieder ist ein Kaizers-Konzert vorbei. Ich frage mich, was es ist,
dass man von Kaizers nie genug bekommen kann, dass man sie immer wieder sehen
kann und jedesmal genauso entzückt und berauscht ist wie beim ersten Mal.
Kaizers versprühen Magie! Kaizers sehen ist wie guter Sex: es wird nie
langweilig...
FAZIT: FÜNF MAL KAIZERS IN DEZEMBER, I WANT IT ALL!!!
Shirin
Es ist Donnerstag morgen, der Wecker klingelt um 6:30, der Flieger
nach Berlin geht um 8:45 und ich habe die ganze Nacht vor Aufregung nicht schlafen
können. Mein letztes Kaizers Konzert für dieses Jahr steht an. Da
Thomas und Karsten beide zur arbeitenden Bevölkerung gehören, muss
ich da jetzt alleine durch. Aber der Flug und die Fahrt zum halleschen Tor,
wo mich mein Kumpel Stephan abholt, verlaufen ohne nennenswerte Zwischenfälle
(es ist immerhin der 11. September und eine schwarz angezogene Frau mit dem
Geburtsort Teheran auf dem Weg nach Berlin könnte Verdacht erregen... Paranoiaaaaa)
(Anm. d. Ed.: "Just because you're paranoid, doesn't mean they aren't after
you."). So sitzen Stephan und ich qualmend in seiner Kreuzberger Wohnung, hören Kaizers und stellen Vermutungen an, wie die Band vom Berliner Publikum
wohl aufgenommen werden wird. In Köln waren ja viele Zuschauer, die die
Band vom Rheinkultur Festival kannten, aber wie kommt ein Berliner zum Konzert
eines in Deutschland - NOCh - weitgehend unbekannten norwegischen Acts? Das
Rumrätseln hilft nichts, wir müssen die Sache vor Ort klären.
Um 19 Uhr sitzen wir schon in der Dustrial Bar, in der sich auch der Eingang
zum Knaack befindet. Hier laufen schon die Herren Kaizer samt Gefolgschaft herum,
und vor der Abendkasse bildet sich langsam eine Schlange. Um 20:30 ist endlich
Einlass, und ich bekomme erstmal einen Schock:
a) Die Bühne ist winzig klein
b) Vor der Bühne klebt schon eine Horde blutjunger, norwegischer Teenies,
die sich später als eine Deutschklasse aus Stavanger herausstellt, und
quietscht freudig erregt in Vorfreude auf die Band aus der Heimat
Zwei Fragen stellen sich mir:
a) Wie wird es die Band schaffen, auf dieser Mini-Bühne zu spielen, ohne
sich gegenseitig dauernd auf die Füße zu treten
b) Wie werden meine Ohren wohl das Gekreische des norwegischen Tuckenvereins
überstehen
Der kleine Saal füllt sich in der nächsten Stunde stetig und bald
ist klar, dass das Konzert ausverkauft ist, was mich natürlich sehr freut.
Um 21:30 ist es dann soweit, die Band quetscht sich durch die
Eingangstür auf die Bühne und es geht los mit "Ompa til du dør".
Die Berliner sind noch ein wenig zurückhaltend, die Norwegerinnen dafür
umso lauter. Als Janove sich beim zweiten Lied "Bøn fra Helvete"
an der Hand verletzt und sein Gesicht und sein Hemd mit Blut verschmiert sind,
kommt endlich Stimmung auf. Der erste Kontakt zum Publikum ist hergestellt,
Killmaster macht einen Witz, Janove bleibt cool und Stephan meint, das wäre
Rock'n'Roll pur. Die Set-Liste ist dieselbe wie in Köln, Deventer usw.
Schade, denn ich hätte gedacht, dass sie wenigstens für die Hauptstadt
Perlen wie "Dr. Mowinckel" oder "Mr. Kaizer, hans Konstanze og
meg" auspacken. Immerhin geht das Publikum eifrig mit, denn es hat gemerkt,
dass man dem Jackal nicht entgehen kann, wenn man nicht mitklatscht und -gröhlt,
und so bekommen auch die Berliner ein ordentliches "halleluja" auf
die Reihe. Die Band hat es, wie vorauszusehen war, überhaupt nicht leicht
auf den drei Quadratzentimetern. Sie müssen tierisch aufpassen, dass sie
sich nicht in die Hacken laufen, Killmaster lässt zwischenzeitig die Sirenenmaschine
auf Janove fallen, Hellraizer muss beim Ausholen mit der Brechsstange höllisch
acht geben, dass er dem Organisten nicht den Schädel einhaut. Es ist beeindruckend,
wie die Kaizers mit den erschwerten Bedingungen umgehen.
Dass sie eine erfahrene und professionelle Live-Band sind, haben sie ja schon
oft bewiesen. Und so endet mein letztes Kaizers Konzert mit einem begeisterten
Applaus seitens Publikum und mit vielen neuen Fans.
Stephan ist hin und weg und will unbedingt die CD haben.
Später am Abend werde ich noch vom öffentlichen norwegischen Fernsehsender
NRK interviewt, ich bin recht betrunken und müde, aber ich hoffe, ich habe
nicht zu verwirrendes Zeug geredet.
Die Band steigt in den Tour-Bus. Ein letztes Winken und der Bus rauscht dahin
in die Nacht, Richtung München, wo die Band eine weitere Station ihrer
Eroberungstour durch den Kontinent erwartet. Save them a Weisswurst, Kaizers!
Fazit: Wir fordern sofort größere Bühnen für Kaizers Orchstra!!
Shirin
Umsonst und draußen und ein Riesenhaufen Bands, die ich sonst nicht auf einer Bühne sehe, schonmal gar nicht auf einer so großen - Als Bonner ist die Rheinkultur ein jährliches Pflichtprogramm für mich. Früher als sonst will ich dieses Jahr die Festwiesen beschreiten, denn Shirin hat mich da auf eine norwegische Band heiß gemacht, die ich mir unbedingt geben muss (damit wäre die Schuldfrage vorneweg geklärt). Von denen hab ich zwar noch nie was gehört, der frühe Auftritt macht stutzig und bei dem Namen der Platte, speziell bei dem Reizwort "Ompa" fällt mir spontan Eläkeläiset ein, aber Shirins Musiktipps waren bisher immer goldrichtig, also hin.
Trotz meiner üblichen Verspätung ist noch reichlich Zeit bis zu diesem Dingens Orchester. Neugierig aber mit leichten Befürchtungen bezüglich Humppa-Musik stapfe ich schonmal zur Blauen Bühne und hau mich in's Gras (und desselben in Gegenrichtung). Die Sonne wärmt mir das benebelte Haupt, Zufriedenheit macht mich breit und die Vorfreude gewinnt Oberhand .
Langsam sammelt sich Publikum. Darunter eine ziemlich junge vermutlich Norwegerin, die ein erwartungsfroh seliges Lächeln aufgesetzt hat und ein norwegisches Fähnchen bereithält. Während ich noch sinniere, dass sie wohl kaum ein Hardcore-Fan ist, der der Band aus der Heimat nachgereist ist (ich Ahnungsloser), hab ich wohl irgendwie die Zeit verpasst, denn auf der Bühne tut sich schon was. So nebenbei bemerke ich zwei große Metallfässer - seltsame Deko. Dass an jedem Fass ein Mikro steht, soll mir erst später, dann aber umso deutlicher auffallen. Viel wichtiger aber: Anscheinend geht's los. "Anscheinend", weil das was da kommt zwar nicht nach 'ner Band, aber immerhin noch weniger nach Roadies aussieht. Eine Horde entlaufener Irrer, größtenteils in Anzügen, die einer Epoche entstammen, die hoffentlich nie wieder in Mode kommt, betritt mit geradezu monarchischer Selbstverständlichkeit die Szene. Einer von denen trägt eine ausrangierte Gasmaske und einer einen derart irren Blick, dass dem eine Gasmaske auch ganz gut zu Gesicht stünde. Scheint aber der Sänger zu sein, da käm das wohl hinderlich. Der arrangiert jetzt erstmal die Monitore um, der Drummer rückt einen roten Mülleimer in Position und die restliche Band schaut sinnierend wie Touristen über das Publikum hinweg in die Ferne. Der mit der Gasmaske macht sich an einer Sirene zu schaffen... Ich bin baff. Die haben also auch Finnen in Norwegen.
Ja und dann, dann geht's wirklich los. Jetzt weiß ich, wofür die Sirene gut war. Vor sowas muss einfach gewarnt werden. Die Gasmaske quält seinem Harmonium mitleiderregende Geräusche ab, die Gitarre klingt, als hätte sie beim letzten Regen draußen gestanden und als Gegenpol schrummelt der Kontrabass exakt so, wie ich das von so einem Trumm erwarte. Zu allem Überfluss singt der Herr im schwarzen Zwirn auch noch norwegisch. Für eine norwegische Band natürlich nicht im Geringsten abwegig, nur blöderweise hab ich so nicht die leiseste Ahnung, worum es da oben eigentlich geht. (Dafür strahlt er uns aber mittlerweile so unglaublich sympathisch an, dass ich ihn einfach gern haben muss). Alle zusammen klingen mächtig cool, wie auch immer das geht. Fassungslos muss ich mitanfühlen, wie diese wahnwitzige Truppe in wenigen Sekunden meine Hörgewohnheiten komplett umkrempelt. Das Publikum um mich herum scheint ähnliches durchzumachen, denn die meisten starren wie hypnotisierte Karnickel auf die Urheber dieses musikalischen Anschlags. Nur das blonde Fähnchen hüpft schon fröhlich herum, die wusste wohl, was sie erwartete.
Das erste Stück lang versuch ich noch herauszufinden, was das eigentlich sein soll. Das ist definitiv kein Humppa, Hallelujah! Sowas habe ich definitiv noch nicht gehört, Hmmm! Und das ist definitiv alles, was mir dazu einfällt. Dann hat das Sinnieren ein jähes Ende: Einer der Berserker legt hingebungsvoll mit einem Brecheisen sein Fass in Falten - und mir die Ohren an. Die haben doch gerade erst angefangen, und machen schon derart mächtig Dampf. Und sie drehen noch weiter auf. Es wird noch schneller und noch lauter und noch wilder. Schließlich verprügeln sie beide Fässer zugleich, Blechdeckel, Brecheisen, Autofelgen. Stomp kann einpacken.
Inzwischen ist mir herzlich egal, wie man diese Musikrichtung nennen soll, denn ich weiß jetzt, was es ist: Es ist geil!! Sie machen mächtig Krach, aber gekonnt. Und alles durchsetzt von eindringlichen, mitreißenden Melodien. Keiner von denen scheint was ernsthaft Kompliziertes zu fabrizieren, aber zusammen klingen sie wahrhaft genial. Unglaublich kraftvoll und trotzdem herzzerreißend schön, voller Energie und voller Seele. Ich habe noch keine Band mit einer solchen Ausstrahlung gesehen. Sie jagen ihren schräg herrlichen Sound mit einer derartigen Macht durch die Auen, dass sich kaum einer ihrem Bann entziehen kann. Ich bin hin und weg.
Auch die obligatorische Vorstellung der Bandmitglieder gerät bei Kaizers zur Zelebration: Es ist mitten im Stück, der Beat schlägt weiter. Rhythmisch und halb gesungen stellt mir der Herr auf dem Fass zunächst "Mr 250 percent - Herrn Helge Kaizer" vor. Aha, das ist also der Kaizer, denk ich. Hallo Herr Kaizer. Etwas verwundert nehme ich zur Kenntnis, dass der Drummer auch ein Herr soundso Kaizer ist. Komisch, sieht dem anderen gar nicht ähnlich. - Zwei Mitglieder später habe ich dann begriffen, dass die alle Kaizer heißen, und dass die Ehrentitel eines Kaizers eine abendfüllende Angelegenheit sein können. Mein Grinsen geht inzwischen von Ohr zu Ohr. Ich singe Hallelujah, und als der Jackyl uns die Erlösung anbietet, schmettere ich ihm ein "Save Me, Kaizer!!!" entgegen, von dem ich noch vier Tage heiser bleiben werde. Sie haben mich völlig überrascht, und sie haben mich im Sturm begeistert.
-
Der Rest ist schnell erzählt. Die Kaizers haben mir den Abend gründlich versaut. Alles andere, was sich da noch so auf die Bühnen getraut hat, wirkte gegen sie ziemlich mau, arg bemüht oder einfach nur schlecht. Ich war früher wieder weg als geplant. Aber ich nehm's ihnen nicht übel. Ganz im Gegenteil...
-
Nachtrag: Gerüchten zufolge hat ein gewisser Anbieter von Hirschhorngebräu, während des Festivals durch unermüdliche Werbeträger in knalligem Orange vertreten, auf die harte Tour gelernt, dass das kostenlose Anbieten von harten Alkoholika ein teurer Spaß werden kann, wenn Skandinavier anwesend sind. Eine andere, hier namentlich nicht weiter erwähnte Band, sollte es hingegen sehr zu schätzen wissen, denn die hätten ohne Jan-Oves tatkräftige Unterstützung wohl kaum so viel Applaus eingeheimst. Vielleicht sind sie ja inzwischen hinter die Ursache der spontanen Begeisterungsausbrüche "ihres" Publikums gekommen. Diese Unterstützung jedenfalls stand anscheinend in ursächlichem Zusammenhang mit der freien Verfügbarkeit von Weidmannsbitter.
Natürlich habe ich mir umgehend das Album (ompa til du dør) von unserer Norwegien-Korrespondentin besorgt und auf's Ohr gegeben. Und war erstmal reichlich enttäuscht. Was die da auf Scheibe bannen ist wirklich nur ein müder Abklatsch von dem, was sie live können.
Nach so rund 20 Durchläufen habe ich das Album allerdings schon noch schätzen gelernt. Und eingesehen, dass Konserve eben Konserve ist. Man kann die Bühne nicht auf CD bannen.
Fazit: Wer Kaizers nur von CD kennt, weiß nicht, wovon ich hier rede. Ihr müsst sie live auf der Bühne sehen, unbedingt! Erlösung kommt nicht in Dosen.
Etwa drei Tage nach Rheinkultur hatte mein Grinsen wieder Normalbreite erreicht und ich beschloss, dem Phänomen Kaizers nun etwas näher und etwas nüchterner auf den Grund zu gehen. Thomas und Shirin hatten sich bereits in willenlose Kaizers-Jünger verwandelt, ich musste meine Queste also nicht alleine antreten, wenn auch bei dieser Begleitung nicht wirklich von Unvoreingenommenheit gesprochen werden kann. Schnell war das nächste Konzert in Reichweite ausgemacht - Venlo. Und wegen Befangenheit der Hauptaktivisten haben wir in Kathrin schnell noch einen unbelasteten Fan zwangsverpflichtet. Aufbruch.
Zwischen Parkplatz und Festplatz fährt uns zur Begrüßung fast ein Opel über den Haufen. Daheim im Rheinland hätte ich diesen Fahrstil zielsicher einem Bergheimer Nummernschild zugeordnet. Mit einiger Verwunderung stelle ich fest, dass besagter Opel tatsächlich ein deutsches Nummernschild hat und da tatsächlich "BM" draufsteht: Bereifter Mörder. Bin ich jetzt wirklich zwei Stunden lang gefahren nur um als allerestes einen Bergheimer zu finden? Scheiß Drogentouristen. Aber ich schweife ab.
Für einen, der gerade von Rheinkultur kommt, macht der Platz einen recht ernüchternden Eindruck, vor allem das Publikum wirkt eher nach Familienausflug, mehr nach Kirmes als nach Rockkonzert. Aber Kaizers wir ihnen schon einheizen. Noch steht allerdings das Musikkorps der armenischen Marine auf der Bühne. Der Flyer weiß zu berichten, dass das besonders deswegen kurios ist, weil Armenien keinerlei Meeresanschluß hat. Ich hingegen finde das völlig einleuchtend. Ohne Meeresanschluß sollte die Marine doch genug Geld in nicht-nautische Aktivitäten stecken können, um sich so eine Band leisten zu können. Die sind auch richtig gut, aber irgendwie ist uns da nicht nach. Also Frühstück: Vlamse Fritjes met Pintazaus (oder so ähnlich).
Als wir zurückkommen fegen sie gerade zwei minderjährige HipHopRapper von der Bühne - Aufgrund meiner vernichtenden Meinung von Rap und HipHop möchte ich hier keinen weiteren Kommentar ablassen. Über die nächste Band kann ich mir allerdings eine Aussage nicht verkneifen: Air on Maiden. Eine "Band", die völlig ohne Instrumente auskommt. Sie dudeln ein Medley allzu bekannter Rocksongs aus der Konserve und "spielen" dazu auf der Luftgitarre, dem Luftkeyboard, dem Luftschlagzeug, ... und nichtmal das können sie. Es ist nichtmal witzig. Der Kuriositätenbonus ist nach wenigen Minuten aufgebraucht und als so langsam durchsickert, dass die das ernst meinen, frage ich mich eigentlich nur noch, warum man zwischen zwei Jungs, die nur Mikrophone haben, und einer Band, die absolut keinen Hehl daraus macht, dass sie Voll-Playback spielt (um es mal ganz vorsichtig auszudrücken), zwanzig Minuten Umbaupause braucht. Das ist ohne Übertreibung die größte Scheiße, die sich unter meinen Augen jemals auf eine Bühne getraut hat. - Zweites Frühstück, darauf brauch ich allerdings ein Bier.
Wir betreten den Platz zum dritten Mal, und die ganze Vorgeschichte soll eigentlich nur klar machen, warum mir nur noch ein Satz im Kopf herumschwebt: Save me, Kaizer! Und dann endlich ist es soweit, und die Sirene verkündet die nahende Erlösung. (Jeder, der einen Krieg mitgemacht hat, muss diesen Satz wohl für pervers halten. Davon bin ich glücklicherweise bis jetzt verschont geblieben).
Und sie erlösen uns. Sie erlösen uns von der Warterei, sie erlösen uns von der Rock-Zumutung, die zwar ihre Instrumente, leider aber noch nicht sich selbst in Luft aufgelöst hat, sie erlösen zumindest mich von der Frage, ob die in fahrtüchtigem Zustand auch Spaß machen, und sie erlösen uns von dem Zweifel, ob wir bekloppt genug sind, nächste Woche bis nach Rotterdam zu fahren, um sie nochmal zu sehen.
Sie spielen viel zu kurz, sie spielen viel zu wenig und ich glaube, sie spielen nichtmal besonders gut. Aber es ist trotzdem noch so gut, dass sie mich endgültig infiziert haben. Unsere zwangsrekrutierte Begleitung scheint ebenfalls von der kurzen Performance für den Tag und die Fahrt entschädigt.
Warum ich jetzt so wenig über Kaizers und so viel über den Rest geschrieben habe? Es passt. Genauso war es. Sie haben einfach viel zu kurz gespielt. Aber es soll nicht mein letztes Treffen mit diesen Herren sein. Ich bin noch nie einer Band hinterher gereist und hatte auch immer von mir gedacht, dass ich nie zu einem derart dusseligen Fan mutieren würde. Rotterdam, bau schonmal auf, ich komme.
Offenbar haben sie also auch Thomas komplett infiziert, denn auch er hat jegliche Skepsis bezüglich der Rotterdam-Tour über den Haufen geworfen. Da er Musik im Auto hat und ich nicht, besteht kein Zweifel mehr daran, welches das Kaizermobil ist.
Nach einer elenden Gurkerei finden wir wenigstens einen nahen Parkplatz. Rotterdam hat ein eigenes Konzept zur Bezahlung von Parkplätzen. Möglicherweise das hirnrissigste europaweit. Aber wir waren vorgewarnt. Falls Ihr hier Tipps braucht, mailt uns.
Der Abend beginnt mit einem Abendessen, und dem gesamten Kaizers Orchester am Nebentisch. Sie scheinen guter Dinge. Nicht selbstverständlich, wenn man sich monatelang im Tourbus auf der Pelle hängt. Und umso erstaunlicher, als wir herausfinden, wo denn die Bühne sein wird. Eine kleine Empore, auf der im Moment noch Tische stehen, und die als Durchgang zwischen Innenraum und Terasse dient, wird so gegen 21:00 geschlossen werden und dann kann da aufgebaut werden - Ah ja.
Die Kaizers nehmen's gelassen. Und das Publikum kommt in den "Genuss", einem kompletten Bühnenaufbau nebst hastigem Soundcheck beiwohnen zu dürfen. Alles in Rekordzeit, wirklich beeindruckend. Und obwohl der lokale Soundmensch zwar immer recht eifrig hierhin und dorthin schaut, nur nie dahin, von wo ihm der kaizerliche Soundmensch per Handzeichen darüber Auskunft zu geben sucht, was er gerade gerne eingestellt hätte, steht die Bühne pünktlich bereit. Wir auch. Immerhin ist es diesmal ein Club und kein Festival, sie werden rund doppelt so lange spielen wie beim letzten Mal. Es steht also ein volles Programm zu hoffen.
Die Herren marschieren einmal mehr ein, wie wir es inzwischen von ihnen gewohnt sind. Und sie rocken die Hütte in Grund und Boden. Ich bin mir zwar nicht ganz sicher, ob das mit rechten Dingen zugeht, aber nach nicht mal fünf Minuten bin ich schon wieder ganz im Banne der Kaizers. Es hat sich gelohnt, bis nach Rotterdam zu fahren, auf jeden Fall!
Hier habe ich zum ersten (und bislang einzigen) Mal das Vergnügen, "Evig Pint" live zu hören. Zusammen mit "De Involverte", "170" und "Veterans Klage", die regulär auf der Liste stehen, ist das Set ein wenig schwermütiger als sonst. Der Rest klingt ein wenig gradliniger in Richtung Rock, als gewohnt, aber es passt und es reißt mit. Die Stücke von der neuen Platte sind vielversprechend, offenbar haben die Jungs ihr Pulver mit der ersten Scheibe noch lange nicht verschossen. Auch "Salt & Pepper" höre ich (zumindest bewusst) zum ersten Mal. Von wegen verschossen, die drehen jetzt erst richtig auf.
Während Jan-Ove ein Bad in der Menge nimmt, versuche ich noch einmal, dem Geheimnis auf die Schliche zu kommen. Es lässt sich wohl nicht in ein Wort fassen. Ich denke, dass Kaizers einfach eine wohltuende Abwechslung von dem ganzen durchgestyleten Produzenten-bestimmten Kram der letzten Jahre sind. Im Kino erlebe ich manchmal etwas ähnliches, wenn ein Film, der für sich genommen nicht unbedingt brillant ist, mich alleine schon deswegen begeistert, weil er so erfrischend weit weg vom Hollywood-Brei ist. So scheint es mir mit Kaizers auch zu gehen. Aber was auch immer es ist, es macht einfach Spaß. Keine andere Band hat mir je so gezeigt, wie der Zwerg den Hevnervals tanzt.
Und wieder bin ich nicht der Einzige, dem diese Musikattacke quer durch die Gehörgänge die Hirnwindungen durcheinanderzwirbelt: Shirin beschließt, dass Kaizers unbedingt eine deutsche Fanseite im Internet brauchen, und dass wir die Richtigen sind, diese aufzuziehen. OK, ich kenne mich faulen Hund, aber ich nicke mal vorsichtig.
Das restliche Publikum geht eher mäßig mit. Die Stimmung ist zwar gut, aber es scheinen zuviele selbsterhoffte Musiker hier zu sein, die nur zum Spannen gekommen sind. Euer Pech, die kriegt ihr eh nicht kopiert. Ich bin nur als williger Konsument hier, ich kann frei genießen, und so lasse ich mich zum dritten Mal erlösen.
Während wir darauf warten, der Band unsere tolle Idee mit der Webseite zu unterbreiten, decke ich mich endlich mit meiner eigenen Kaizers-CD ein. Die Band und der Tourmanager sind schließlich abkömmlich und geben uns mit in etwa "Na macht mal und wir gucken dann mal" sowas wie ein OK. Gut, das können sie haben... Ich danke noch herzlich für ein starkes Konzert, besonders unter den widrigen Umständen, die Band scheint aber weniger begeistert von ihrer Performance - versteh ich (noch) nicht.
Thomas fährt schließlich früh am Morgen das Kaizermobil vor und bringt uns in einem harten Kraftakt wieder den ganzen Weg zurück bis nach Bonn, heil und ohne Leitplankenpause. Übernachten wäre vielleicht besser gewesen, aber der Tourbus war leider schon voll...
Diesmal gibt es keine Fragen, einfach nur Vorfreude. Wir kennen die ja jetzt schon - dachte ich. Die Karten sind reserviert und die Arbeitszeiten auf's notwendige Minimum gestutzt. Es sind 106 Kilometer (Schätzwert :-) bis Nijmegen, der Tank ist voll, wir haben Kaizers im Ohr, es wird dunkel und wir tragen Sonnenbrillen - Abfahrt.
Ein weiterer Freund mit dem wahrhaft seltenen Namen Thomas hatte zwischenzeitlich Geburtstag. Es sollte niemanden überraschen, dass er von mir eine CD bekommen hat. Und sie gefiel ihm so gut, dass er nun prompt mit im Wagen sitzt. Und auch einen Zwangsrekruten haben wir wieder dabei, Heinz, der mir vorgestern unvorsichtiger Weise über den Weg gelaufen ist, wo ich ihn auf geradezu perfide Weise zum Mitreisen überredet habe. Aber er ist schon von der Konserve so beseelt, dass er mir auch noch dankbar ist.
Diesmal scheint auch für die Band alles zu stimmen. Sie hatten keine lange Anfahrt, den ganzen Tag Zeit zum Aufbauen und Soundchecken, haben eine recht große Bühne zum Austoben und sogar eine Vorgruppe zum Anwärmen. Die Playlist ist ein bisschen flotter als in Rotterdam, "Evig Pint" ist nicht dabei, wenn meine Erinnerung stimmt haben sie es durch "Mann mot Mann" ersetzt. Abgesehen davon birgt sie keine großen Überraschungen. Der Laden ist gut gefüllt, aber vor der Bühne ist noch genug Platz zum Mithüpfen. Alles sehr vielversprechend. Aber es hat mich trotzdem ohne Vorwarnung erwischt.
Als das Hintergrundsgedudel langsam der nun wohlbekannten Kaizer-Einmarsch-Melodie weicht, habe ich noch das Grinsen der Vorfreude zwischen den Ohren. Der Herr mit dem aparten Filtergesicht greift wie gewohnt zur Sirene und eröffnet einmal mehr das alarmpflichtige Spektakel, und Jan-Ove hebt an, uns auch heute wieder die Geschichte von Sven Korner darzubringen, der an seinem allzu hastig herbeigeführten Lebensabend wohl etwas mehr Ompa tanzen wird müssen, als ihm lieb sein kann. Aber schon bei diesem ersten Stück wird klar, dass heute etwas anders ist als sonst.
Bislang habe ich eine energiestrotzende Band mit mächtig Dampf erlebt. Das sind sie heute keinen Funken weniger, höchstens noch mehr. Aber heute bringen sie es nicht einfach nur rüber, heute leben sie es aus. Es ist im Wesentlichen die selbe Band da oben und sie spielen im Wesentlichen die selbe Musik wie die anderen Male auch. Aber sie spielen nicht mehr in der selben Liga. Sie sind viel agiler, wirken viel frischer, haben drive. Sie strahlen nicht nur aus, sie ziehen an. Sie lassen eine Sau nach der anderen raus und scheinen selber einen Höllenspass dabei zu haben. Bisher haben sie präsentiert, heute sind sie präsent.
Und der Funke springt über. Das Publikum ist sofort begeistert und geht voll mit. Diesmal tobt der Saal, keine Abgucker mehr, keine Skeptiker soweit das glänzende Auge reicht. Oder vielleicht ist es auch andersherum. Vielleicht ist das Publikum tatsächlich so gut drauf heute und hat seinerseits die Band beflügelt. Wahrscheinlich beides. Wir passen zusammen heute, die Band und die Fans; wir feiern gemeinsam. Gruppensex quasi. Kollektive Erlösung um Mitternacht.
Für mich wiederholt sich "das Wunder von Rheinkultur", und das im klaren Kopf. Hatte ich gedacht, ich wüsste worauf ich mich freue? Von wegen. Heute zeigen sie mir, warum sie die Kaizer sind. Kaizers rulez (wer hätt's gedacht). Who's your daddy? - Kaizer!
Als ich zum ersten Mal das entrückte Lächeln wieder weit genug zusammengezogen bekommen, um dringend notwendige Flüssigkeit aufzunehmen, steht die Band schon an der Theke. Der Auftritt muss wohl lange vorbei sein. Ich gehe hin und entschuldige mich in aller Form. Ich entschuldige mich dafür, dass ich Ihren Auftritt in Rotterdam als tolles Konzert bezeichnet habe. Ich hatte ja keine Ahnung...
-
Da ich an diesem Tag kein Passagier sondern der Chauffeur im Kaizermobil war, ist mir die Fahrt in lebloser Erinnerung geblieben. Ich war müder als ein toter Hund. Ich habe keine Ahnung, wie ich bis Bonn bei Bewußtsein geblieben bin. Wie Thomas die Rotterdam-Fahrt abgerissen hat ist mir seitdem auch völlig schleierhaft. Wahrscheinlich wollen wir es beide nicht so genau wissen und sind einfach dankbar und heilfroh, dass wir noch jedesmal mit dem eigenen Wagen ins eigene Bett gekommen sind.
Wir können endgültig nicht mehr genug kriegen von Kaizers. Die CDs haben wahrscheinlich schon Drehwürmer und so ganz klar bei Sinnen sind wir auch nicht mehr. Wenn es sich zeitlich irgendwie einrichten lässt und die Entfernung halbwegs zu rechtfertigen scheint, müssen wir hin. So schlägt es uns denn heute nach Deventer.
Irgendwie kann mich aber die Begeisterung nicht recht packen. Irgendwie hat das alles ein wenig von Routine abbekommen. Und irgendwie hat Nijmegen die Latte etwas zu hoch gelegt. Möglicherweise habe ich mir durch diese Erwartungshaltung schon zu sehr ein Urteil vorgefertigt, denn diesmal wird sie zur Abwechslung mal erfüllt werden.
Mr Merchandise schaut uns recht seltsam an, als wir an seinem Stand vorbeischauen. Er ist sich wohl nicht so ganz sicher, ob wir bloß zuviel Zeit haben, oder einen ernsten Knall. Na, da ist er in bester Gesellschaft, das frage ich mich auch. Aber Zeit habe ich eigentlich keine... :-)
Der Raum ist recht klein und schon reichlich voll. Und wenn ich schon keinen Platz habe, bin ich direkt zickig. Die Vorgruppe macht immerhin einen brauchbaren Eindruck und das Publikum scheint vielversprechend. Auf die Playlist schaue ich nicht, es ist eh alles gut, was sie spielen. Aber es gibt auch keine nennenswerten Veränderungen: "Ompa til du dør" als opener, "bøn fra helvete" als früher Mitreißer, "170" und "De Involverte" für's Gemüt, "Mann mot Mann" zum Auflockern, Kaizerparade mit "kontroll på kontinentet" als Höhepunkt und "Salt & Pepper" als Schlussknall. Und das Gypsy Finale zum Dessert.
Doch wie befürchtet reißt es mich heute nicht mit. Muss wohl an mir liegen, denn dem restlichen Publikum gefällt's. Thomas und Shirin können auch kein "zweites Nijmegen" ausmachen, finden es aber ziemlich gut. Diesmal kein Funke. Keine Frage, es ist ein geiles Konzert. Ich hab einen Heidenspaß und die Kaizers sind wie immer absolut erlebenswert. Nur irgendwas fehlt mir, es rockt nicht. Es hilft auch wenig, dass Geir Hellraiser diesmal die Sirene ertönen lässt. Naja, vielleicht schleicht sich ja wirklich langsam Routine ein, immerhin gehören wir ja bald zum Inventar, wenn wir so weitermachen. Heute keine volle Erlösung. Aber auch heute ein toller Abend.
Kaizers müssen heute zwei Konzerte ableisten, und was ein echter Fan ist...
.. der kriegt kaum die Augen auf und bleibt lieber mit seiner Triefnase im Bett.
Thomas und Shirin sind natürlich hingefahren. Eigentlich waren wir ja gestern in Deventer um heute hier zu bleiben, aber eigentlich gilt keine faule Ausrede, um ein Konzert zu verpassen. Meine Ausrede war überzeugend.
Verpasst hab ich wohl das laut Aussage der Band schlechteste Konzert der ganzen Tour (siehe Interview). Das haben die beiden Eisernen allerdings aufgrund der Verkehrslage leider auch verpasst.
Abends gab es dann ein gewohnt solides Konzert, so ähnlich wie in Deventer, hab ich mir sagen lassen.
Naja, man kann nicht alles haben. Heute auch keine Erlösung, aber dafür Erholung.
Nach all den Konzerten weiß ich immer noch nicht, in welchem Genre die Kaizers nun spielen. Gypsyrock? Ich weiß nicht. Spaß braucht kein Etikett, keine Kategorie, keine Schublade. Kaizers klingen unverkennbar. Die ersten Copycats werden schon bald aus dem Boden sprießen. Und wenn die sich nicht mächtig die Pfoten verbrennen, dann wird das, was die da zu kopieren suchen, rechtmäßig Kaizerrock heißen!
Mein letztes Konzert für diese Tour steht an. Köln, vor der Haustür sozusagen. Ab morgen rocken Kaizers in Gefilden, die beim besten Willen nicht mehr in Tagestouren erreichbar sind. Aber das ist morgen. Heute wollen wir's nochmal krachen lassen. Heimlich fürchte ich, dass der Routinedämon mir schon die Begeisterung etwas dämpfen wird, aber es ist vorläufig das letzte Mal und ich will sie gebührend verabschieden und feiern.
Wir sind ewig früh da, weil wir den Kaizers noch ein Interview aus dem Kreuz leiern wollen. Thomas hat in unglaublicher Zeit eine Webseite aus dem Boden gestampft, und da muss jetzt Leben rein. Zunächst aber muss Leben in die Bude, und das heißt Soundcheck. Wir haben das seltene Vergnügen, Geirs Gesangsausbildung überprüfen zu können und ein paar Gimmicks zu lauschen, die wir wohl so nicht mit größerem Publikum erleben werden.
Geir und Terje sind anschließend so freundlich, uns noch eine halbe Stunde ihrer Zeit zu opfern. Wir haben uns natürlich Mühe gegeben und nur hochintelligente und interessante Fragen zusammengetragen. Immerhin waren sie gut genug, dass sie jetzt noch außer der Reihe mit uns reden wollen. Aber wo ich jetzt hier sitze und wirklich mit ihnen quatsche, kommt mir das alles reichlich albern vor. Macht Euch selbst ein Bild, Ihr könnt das Interview, soweit es in Schriftform übertragbar war, auf unseren Seiten nachlesen. Immerhin habe ich jetzt mal gesehen, in was für erbärmlichen Garderobenräumen man sich als Künstler manchmal so auf seinen Auftritt vorbereiten muss.
Nach den höchst unterschiedlichen Publikumsresonanzen von Rheinkultur und Frankfurt, den bisher einzigen Kaizers-Konzerten in Deutschland, sind wir natürlich gespannt, wie denn die Kölner die Kaizers annehmen werden. Werden sie dem Ruf des deutschen Publikums gerecht - staubtrocken, stocksteif und kaum zu begeistern? Oder werden sie den Hessen mal vorfüren, wie man sich auf so einem Konzert zu benehmen hat? Die Band hat noch keine Prognose, aber die Stimmung im Saal scheint gut, und das Haus ist satt gefüllt.
Und dann endlich beginnt das ersehnte Ritual. Der Einmarsch-Marsch erklingt, die Band tritt auf, die Sirene ertönt, diesmal von Killmaster auf Umdrehungen gezwungen, und Mr 250% eröffnet. Sieh dich vor, Sven Korner, es geht dir wieder an den Kragen, sie haben deine Fingerabdrücke - Ompa til du dør. Sind das die gleichen Leute, die eben noch lethargisch in der Garderobe gehangen haben? Unglaublich. Als hätten sie sich einfach angeknipst, von Null auf 250% in 5 Minuten.
Das Publikum beginnt zäh, da kann man nichts machen, wir sind in Deutschland. Aber sie sind nicht verstockt, sie sind partywillig. Sie wollen bloß erstmal hören, was da kommt. Schon bei "bøn fra helvete" haben sie es offenbar verstanden. Die Kaizers danken es ihnen auf die beste Art: Sie knubbeln sich dicht an dicht auf der viel zu kleinen Bühne und legen einen Zahn zu. Und der Club geht mit - Kontakt hergestellt.
Mein Routinedämon? Hat sich zum Teufel geschert. Auch wenn ich das jetzt wirklich alles schonmal gehört habe ist nichts davon auch nur einen Hauch von langweilig. Die Band ist wieder voll da, und die Kommunikation mit dem Publikum stimmt. Ähnlich wie im Doornroosje, und da kommt es heute auch fast dran. Das wird ein würdiger Abschied.
Zu meiner Überraschung fragt Jan-Ove mittendrin nach Publikumswünschen. Und wird prompt bedient: Man bittet um ein Geburtstagsständchen. Aber die Band lässt souvereign die Bühnenprofis durchblitzen. Ohne das leiseste Rumzicken ergreifen sie Knüppel, Brecheisen und anderes, bewährtes Lärmtrummentarium und ballern der Gratulantin ein gnadenlos brachiales "Happy Birthday" um die Ohren, für das man schon wirklich hartgesottener Kaizers-Fan sein muss, um es zu schätzen zu wissen. Der Rest dürfte für alle Zeiten kuriert sein, sich von den Kaizers nochmal ein Ständchen zu wünschen. Der Spaß mündet nahtlos in die Kontrolle über den Kontinent, woran eigentlich kein Zweifel mehr bestehen kann.
Beim Hevnervals bricht dann trotz der Enge auch in Köln die letzte Zurückhaltung, jeder versucht, ein bisschen zu hüpfen, keiner steht mehr auf eigenen Füßen, alle grinsen selig erlösungswillig, und Kaizers geben uns den Rest, mit Salz und Pfeffer. Orgastisch.
Der Rest ist bekannt, aber immer wieder schön. Nachdem man feststellt,
dass Zigeunerblut wohl überall gleich klingt, und wahrscheinlich auch schmeckt, heißt es Antreten zum Gypsy Finale:
"Halleluja!"
"Halleluuuujah!"
"We love you, Kaizer!"
"SAVE ME, KAIZER!!!"
Ihr wisst schon...
Und zum ersten Mal auf der Tour schreit das Publikum so lange nach Zugabe, bis die Ungekrönten sich tatsächlich nochmal auf die Bühne begeben, wenn auch nur, um schnell allerlei Gerätschaft, wie Drumsticks, ins Publikum zu werfen, und sich so ganz scheinheilig um die Zugabe zu drücken. Egal, sie haben heute wieder alles gegeben und es war einmal mehr berauschend. Und das Publikum war Klasse. Für mich war es ein würdiges Schlußkonzert.
Aber das Beste von Allem: Sie kommen wieder!!! Karsten
Köpnick
Ahh, Rheinkultur! Jährlich in die Bonner Rheinauen pilgern
um dem größten deutschen Festival ohne Eintrittspreise zu huldigen!
Und das bei perfektem Rheinkulturwetter! Teils sonnig, teils bedeckt. Die ersten
sinnvernebelnden Maßnahmen werden ergriffen. Shirin hat gesagt, nachmittags
spiele eine nette norwegische Band. Mit ihren Tips lag sie bisher nie daneben,
also hin.
Gut vor der Bühne positioniert und der kommenden Dinge harrend, die letzten
Töne der Band davor waren wenig aufmunternd, aber die Laune soll uns das
nicht vermiesen. Shirin kommt aus dem Backstage-Bereich es kann losgehen. Die
Sinnvernebelung klinkt sich langsam ein. Es fängt an: Ompa til du dør
(weiß ich zu dem Zeitpunkt natürlich nicht). Ich muß auf die blöden
Rucksäcke von Shirin und mir aufpassen, das bremst. Was ist denn das? Anzug,
Gasmaske, Harmonium? Wie bekloppt! Wie genial! Der Auftritt ist perfekt choreographiert,
oder bin ich zu vernebelt? Nee, um mich herum sind alle ebenso begeistert. Die
Ölfässer! Unglaublich! Kraß! Der Sänger spielt nach bester amerikanischer
Priestermanier auf dem Instrument Publikum. Sie steigen auf die Tonnen, sie
spielen auf Felgen. Abgedreht! Muß ich mir dringend auf Tonträger anhören
und nochmal ansehen.
"Do we have five thousand new Fans in Bonn?"
"JAAAh!" - Wenigstens drei, wenn ich mir Karsten und Shirin betrachte. Kontrol
på kontinentet, Vorstellung der Band, die Zwischennamen der Musiker werden
von Person zu person immer länger, was erzählt der da? egal, es rockt!
"Do you love Kaizers?" - "YEAAAAAh!"
Noch mehr Lieder, die man nicht versteht, aber weiterhören will!
Gypsy music? Mir egal, her damit! Mehr davon!
"Do we have ten thousand new Fans in Bonn?"
Sie brüllen alle, jedenfalls alle, die ich sehen kann. Dann werden sie
wohl bald wiederkommen... Dreißig Minuten später, nach mehreren kehlaufreibenden
Mitsingparts und viel befriedigtem Bewegungsdrang ist das Endorphin die stärkste
Wirkung in meinem Körper. Die einzige traurige Sache an diesem genialen
Auftritt ist, daß andere, fragwürdigere Bands (Sportfreunde Stiller - was
für ein peinlicher Müll!) nicht mehr zu ertragen sind, so daß ich
mir sogar De Phazz entgehen lasse und nach hause fahre. Natürlich nicht,
ohne meinen alljährlichen Rheinkulturmindestverzehr geleistet zu haben,
nächstes Jahr will ich ja wieder hin... Die Überlegung, ob die Beeinträchtigung
der Geistesgegenwärtigkeit die Wirkung des Konzertes verstärkt habe,
kann im Nachhinein mit einem klaren "Nein!" beantwortet werden, nachdem sechs
weitere Konzerte folgten. Verändert, ja. Aber besser wird es nicht. Das
wäre auch sehr, sehr viel verlangt. Thomas