Studio Bericht 2007

Das Planet Roc Studio, in dem Kaizers November 2007 ihr Album aufnehmen, ist - mit Verlaub - am Arsch der Welt gelegen. In Berlin heißt das dann „Schöneweide“. Nachdem wir mindestens gefühlte fünfzig Mal die öffentlichen Verkehrsmittel gewechselt und uns durch das große Gelände mit DDR-Charme durchgefragt haben, kommen wir – erstaunlicherweise pünktlich um 19:00 - im Studio an, wo wir mit der Band verabredet sind. Besser gesagt: mit der halben Band, denn Rune, Helge und Øyvind haben ihre Instrumente eingespielt und sind bereits abgereist.

Und so treffen wir als Erstes auf einen Gitarre spielenden Terje alias Killmaster in der Küche. Aus dem Aufnahmeraum hört man die Klänge des Songs „9 mm“ (dürfte einigen schon von der Tour 2006 bekannt sein), an dem gerade der Feinschliff vorgenommen wird. Auch Janove und Geir zeigen sich bald, es gibt ein großes Hallo und wir werden dazu aufgefordert, es uns gemütlich zu machen. Mit im Studio sind noch Mark Howard, der Produzent, der schon für REM, Bob Dylan, U2 und Tom Waits gearbeitet hat, der Toningenieur Yansen und last but not least die süße Lynn, das Mädchen für alles, das für die Rundumversorgung der Mannschaft zuständig ist und mit der wir im Laufe des Abends viel Spaß haben werden.

Als Erstes werden wir von Terje durch die vielen Räume des Studios geführt, wir schauen uns die mannigfaltigen Instrumente an und probieren selbst den Hall der einzelnen Räume aus. Es gibt den obligatorischen schalltoten Raum, einen größeren, eine Treppe mit drei unterschiedlichen Belägen (Holz, Teppich, Stein) für Hörspielaufnahmen inklusive einer ins Nirgendwo führenden Tür für die Aufnahme von Türklappen. Die Ausstattung des Studios lässt auch sonst nichts zu wünschen übrig, die Technik ist auf dem letzten Stand, ob Harddiskrecording oder einer Sammlung aktueller Gerätschaften mit deren Bezeichnungen die meisten normalen Menschen nichts anfangen können. Laut Terje wird gerade die Mannigfaltigkeit an Räumen für einen neuen Sound auf der nächsten Platte sorgen. Neben einem riesigen Orchestersaal, in dem einige Songs mit der gesamten Band aufgenommen wurden, wurde z.B. auch kurzerhand Øyvind in den Flur gestellt, weil man feststellte, dass der Kontrabass hier besonders gut klang, so dass einige Spuren noch einmal neu eingespielt wurden – von Øyvind im Flur.


band in der Küche
Die Küchenband (Quelle: www.kaizers.no) (click!)

Aber bei Kaizers schreckt man auch nicht vor ganz neuen Experimenten zurück, so wurde das Stück "Butikken opp å stå", das sich schon auf dem Demo befand, in der Küche aufgenommen. „Janove und ich saßen mit unseren Gitarren in der Küche und spielten ein bisschen mit dem Stück herum“, erzählt Terje, „und wir stellten fest, dass es einen Bluegrass-Touch hatte. Dann kam Mark rein und schlug vor, dass wir es sofort und auf der Stelle aufnehmen. Also versammelte sich die Band in der Küche und wir nahmen das Stück mit dem alten RCA 44 Mikro in der Küche auf. Es war fantastisch!“ Im Endeffekt haben sich viele Songs im Laufe der Arbeit im Studio stark verändert, erzählt Terje weiterhin, einige erkenne man gar nicht mehr wieder. Aber das ist ja auch ein gutes Zeichen für die Produktivität der Band.

Und wie sieht so ein Tag im Studio aus? „Wir trudeln so gegen 12 im Studio ein“, erzählt Terje, „vorher holen wir uns am Potsdamer Platz, wo unsere Wohnung ist, was zu essen. Dann fängt die Arbeit an und wir sind meistens bis 11 oder 12 Uhr Nachts im Studio. Um vier gibt es Essen in der Kantine, und dazwischen und danach wird viel gewartet, Kaffee getrunken, DVDs geschaut oder gelesen.“ Terje, der in diesen Zeiten Wintertoe oder auch Tortellini genannt wird (die Tortellini in der Kantine sind nämlich sein Lieblingsessen) erzählt dann weiter von dem schwedischen Gastsänger Stefan Sundstrøm, der gemeinsam mit seiner Tochter dem Studio einen Besuch abstattete und einen Song aufnahm. „Er sieht so herrlich verbraucht aus, und seine Stimme erst! Wir waren sehr froh, dass wir mit ihm zusammenarbeiten konnten, ein klasse Typ!“

Singt abgesehen von Sundstrøm sonst jemand auf dem Album, Geir z.B.? „Nein, Geir hat, meine ich, drei Songs beigesteuert, aber auf keinem gesungen. Allerdings sind wir alle im Chor als Background-Sänger zu hören.“ 19 Songs sind im Laufe der Studio-Sessions aufgenommen worden, aber es werden nicht alle auf dem Album landen. Das Cover-Artwork und der Titel des Albums stehen schon fest. Ende Dezember soll alles unter Dach und Fach sein, aber vorher werden Geir und Janove nach L.A. fliegen, um das Album in Howards Studio abzumischen und zu mastern. Ob Howard eigentlich kein Problem damit habe, dass die Texte auf Norwegisch sind, wollen wir wissen. „Nein, gar nicht, es klingt überhaupt nicht Norwegisch in seinen Ohren“, erklärt Terje, „daher hat er kein Problem damit. Wir finden auch, dass durch die Art, wie Janove singt, und durch den Gebrauch der vielen Wörter, die es auch so ähnlich im Englischen gibt, die Sprache gar nicht so Norwegisch klingt. Und letztendlich produziert Mark nur den Sound, für die Musik sind wir zuständig.“

Und warum haben Kaizers dieses Album nicht mit dem alten Produzenten Jørgen Træen aufgenommen? „Das hatte eigentlich gar nichts damit zu tun, dass wir keine Lust mehr hatten, Wir hatten alle, auch Jørgen selbst, das Gefühl, dass man was Neues ausprobieren sollte. Einfach nur um zu schauen, wie man sich noch weiter entwickeln kann.“ Nach einem Tipp von Tom Waits, der selbst Kaizers Orchestra Fan ist, war Mark Howard auf die Band aufmerksam geworden. Und da es ihm zeitlich gut passte, fragte er bei der Band nach, ob diese an einer Zusammenarbeit interessiert seien.


Janove bei der Arbeit
Janove bei der Arbeit (click!)

Und da sitzt er nun, der kleine Mann aus Kanada, von der Band liebevoll auch mal „Schnitzel“ genannt. Mit seinen flinken Händen, den schwarz lackierten Fingernägeln und dem alten Offiziershut aus DDR-Zeiten, zieht und schiebt er die Regler des Mischpults herum, während Janove neben ihm sitzt und wild gestikuliert und die Geräusche der Instrumente nachmacht. „Das ist Janove bei der Arbeit“, kommentiert Geir trocken und wir schauen alle ziemlich lange fasziniert zu, wie ein begeisterter Janove mit Mark an den Songs feilt. Hier noch mehr Hall, da etwas trockener im Break, hier bitte die Gitarre etwas lauter. Man merkt, dass die beiden mittlerweile ein eingespieltes Team sind. Hier wird ziemlich professionell gearbeitet. Was nicht heißt, dass das Studioleben keinen Spaß verträgt. Terje zeigt uns auf seiner digitalen Nikon-SLR einige Bilder, die in diesen Tagen entstanden sind. Da Mark immer so friert, hat er diese überdimensional große Jacke, in der wie ein kleiner Zwerg aussieht. So gibt es eine Bilder-Serie von Mark Howard als „Midget“, von der eins auch auf der offiziellen Kaizers Seite bewundert werden kann. Wir lachen uns krumm und kringelig.

Irgendwann um ein Uhr nachts, als die Arbeiten an „Du og Dine“ fertig sind, spielen uns die Herren noch einen neuen Song vor. Dazu stellen wir uns alle in einer Reihe auf und lauschen andachtsvoll diesem genialen Stück namens "Enden av November". Danach falle ich allen in die Arme und Thomas fällt auf die Knie um den Herren zu huldigen. Mein Kommentar: „It’s sad and sexy!“ – schnief. Alles wird gut, ich werde die neue Kaizers-Platte lieben, und jetzt, wo ich gesehen habe, mit wie viel Herzblut und Engagement daran gearbeitet wurde, werde ich sie umso mehr lieben. Außerdem werde ich Kaizers lieben, bis in alle Ewigkeit, und bis ein Schnitzel vom Himmel fällt. Der Bierautomat im Flur - bei dem jedem Kaizer bei jeder Bierentnahme wegen des lächerlich niedrigen Preises ein Grinsen im Gesicht erscheint - ist leergesoffen, es gibt im gesamten Studio kein einziges Streichholz mehr, geschweige denn ein Feuerzeug, die letzte Bahn ist schon längst weg, und ein Taxi muss gerufen werden. Janove muss am folgenden Tag für einen Tag nach Norwegen, wo das Kinder-Theaterstück „Det tusende hjertet“, für das er die Musik geschrieben hat, uraufgeführt wird. Ein Abend mit Kaizers im Studio ist zu Ende, aber eigentlich fängt alles jetzt erst an! 2008 wird definitiv ein kaizerliches Jahr!

Shirin und Thomas

P.S.: Noch mehr Studio-Bilder gibt es in unserer Gallerie 2007.