Interview am 16.10.2010 in Berlin

Es ist ein kalter, regnerischer Novembertag in Berlin, aber das lässt sich aushalten, denn: Ich habe einen Interview-Termin mit zwei Mitgliedern der besten Live-Band der Welt: Kaizers Orchestra aus Norwegen. Sänger Janove und Bassist Øyvind befinden sich auf einer Mini-Tour, um für das am 30.1.2011 erscheinende Album „Violeta Vol. I“ (das erste in der Violeta-Violeta-Trilogie) Promo zu machen.

 

Hallo Janove, hi Øyvind.  Willkommen in Berlin. Was habt ihr in den letzten Monaten und Jahren gemacht, nachdem ihr für eine längere Pause vom Tourleben brauchtet?

Janove: Nun, wir haben die letzten ein zwei Jahre damit verbracht, ein neues Album aufzunehmen und standen am Ende mit drei Alben da. Wir waren nämlich so schnell mit dem Einspielen des ersten fertig, dass wir einfach noch mehr Songs machten. Das Konzept wuchs im Laufe des Prozesses immer weiter an. So haben wir jetzt also drei Alben. Drei verschiedene Alben, was die Musik angeht, aber eine Story, was die Texte angeht.

Ist alles schon aufgenommen?
Janove

Janove: Teil eins und zwei der Violeta-Trilogie sind schon aufgenommen und Teil drei ist zu neunzig Prozent fertig.

Wie klingt die neue Kaizermusik?

Janove: Also, ich habe dasselbe Gefühl wie nach der Fertigstellung des Maestro-Albums. Das war lange Zeit das beste Kaizers Album, wie ich fand, denn wir hatten damit genau das geschafft, was wir schaffen wollten, und es außerdem auch gut gemacht. Mit Maskineri versuchten wir das erst gar nicht.  Wir tauschten Produzenten, Studio und Sound aus und veränderten den Stil hinzu einem weicheren, geschmeidigeren pop-Sound. Es sollte nicht mit ”Maestro” konkurrieren. Wir brauchten ehrlich gesagt diese Zeit von 2005 bis jetzt, um mit guten Ideen und gutem Material anzukommen, um ein gutes Kaizerkonzept zu kreieren für die Zukunft.  Und da sind wir jetzt. Ich finde Volume I ist ein wenig wie “Maestro”, nur noch besser. Es stellt das Herz von Kaizers Orchestra, wir sind älter und selbstbewusster. Wir wissen genau, was wir wollen und wir sind gut vorbereitet. Wir brauchten ja nur 14 Tage, um das erste Album aufzunehmen, weil wir eben so gut vorbereitet waren. Es war diesmal kein Kampf im Studio, es war einfach.

Und diese Trilogie basiert auf einer einzigen Geschichte?

Janove: Es ist eine einzige große Geschichte, allerdings ohne Anfang und Ende. Man muss die Puzzlestücke zusammensetzen, wenn man alle Alben gehört hat.
Erzähl ein bisschen …

Janove: Okay, hier kommt die kurze Version: Es gibt da diese kleine Familie, Frau, Mann und die kleine Tochter – Violeta. Sie leben zusammen, aber der Mann hält das Leben mit seiner Ehefrau Beatrice nicht mehr aus, also kidnappt er seine Tochter und versteckt sich mit ihr irgendwo auf der Welt. Er verlässt Beatrice, die von da an alleine in dem Haus lebt und  nur noch weint und trinkt und sich wie eine autistische Person verhält. Sieben Jahre lang verlässt sie das Haus nicht und füllt Eimer mit ihren Tränen, jedes Jahr einen Eimer. Nach sieben Jahren hat sie dann sieben Eimer voller Tränen (Anm. d. red.: einer der neuen Songs heißt dementsprechend „Sju bøtter tårer er nok, Beatrice” – Sieben Eimer voller Tränen sind genug, Beatrice). Am Ende entschließt sie sich, sich auf die Suche nach ihrem Mann und ihrer Tochter zu machen und sich zu rächen. Das ist also die Geschichte. Dreißig Songs, dreißig Texte und alle sind wie Szenen in einem Film aufgebaut. Alles passiert wie in einer anderen Welt, irgendwie real aber mit einer guten Portion Fiktion. Mutter und Tochter z.B. haben dieselbe Gabe: Die Mutter kann im Garten ihre Träume und Visionen pflanzen und diese können von der Tochter gepflückt und geteilt werden.

Auch in den letzten Kaizers Alben sind wir einer Menge obskurer Gestalten begegnet. Werden wir diesen Figuren aus dem Kaizersuniversum wiederbegegnen?

Janove: Nein, das war eine andere Geschichte. Das hier hat nichts mit den alten Tagen zu tun, mit dem Krieg, der Mafia und den Zigeunern. Das ist eine neue Geschichte. Und sie hat so das Feeling von Tim Burton, David Lynch, the Coen brothers, Tarantino – und immer noch Emir Kusturica – eine Mischung aus all dem.

Gibt es neue Instrumente auf der Trilogie?
Oeyvind

Øyvind: Ja, wie haben Flaschen! (beide lachen)

Aus Plastik oder Glas?

Øyvind: Aus Glas natürlich! Es gibt nichts Besseres! Und ich habe auch einen neuen Bass bzw. ein Bass-Pedal und das ist auf 50 Prozent des Albums zu hören. Auf “Hjerteknuser” (Anm. d. Red.: „Herzensbrecher“) zum Beispiel.

Janove: Ja, das hilft, um das … eh … untere Ende der Musik hervorzuheben. Die meisten werden den Unterschied wahrscheinlich nicht hören können. Aber sie werden es sehen können!

Øyvind: Man sollte die Pedale mit den Füßen bedienen, aber ich benutze meine Hände dazu!!!

Janove: Wir werden außerdem auch noch viel mehr Gebrauch von den Ölfässern machen. Auch das kann man nicht unbedingt hören, aber sehen. So wie Bob Dylan irgendwann mal elektrisch wurde, so sind auch wir elektrisch geworden, die Ölfässer werden an den Verstärker angeschlossen und es macht BOOOM!

Eure Live-Show wird also anders sein als zuvor?

Øyvind: Oh ja! Und ich muss vor dem Spiegel üben, denn vorher konnte ich mich ja hinter dem Bass verstecken. Jetzt muss ich mit den Händen die Pedale bedienen und so was.

Janove: Es wird cool aussehen, wenn du die Pedale bedienst ... Bisher hatte unsere Live-Show eine gewisse Kurve beschrieben. Wir haben sie oft geändert, mehr als die meisten anderen Bands. Es steckt jetzt zwar noch die gleiche Philosophie hinter der Show, aber wir haben eine neue Herangehensweise, einen anderen Aufbau. Wir werden wahrscheinlich alle neuen Songs spielen müssen und eine komplett neue Setliste machen. Und wir haben einen neuen Look und neue Moves passend zum neuen Sound … Das Ziel ist es, die perfekte Setliste für uns, die Fans und die Produktion zu finden. Und wir hoffen, dass es sofort funktioniert, so dass wir sie nicht mehr umschmeißen müssen. Aber ich möchte nicht zu viel verraten. Es wird einfach einen neuen Look geben, und wir werden ihn während der Show mehrmals verändern, und die Produktion wird noch größer sein.

Tauchen neue Städte oder Länder auf eurer Tour auf?

Janove: Wir haben vor langer Zeit entschieden, dass wir keine neuen Länder betreten wollen, sondern uns lieber auf die konzentrieren, in denen wir schon Fans haben, und diese weiter ausbauen. Aber es gibt auch Ausnahmen. Dieses Mal werden wir in Mailand auftreten, weil es ganz gut in den Tourplan passte. Es ist schön, eine neue Stadt auf der Liste zu haben und einen freien Tag ebendort. In Deutschland werden wir in sechs Städten spielen und auf Sommerfestivals, hoffentlich auf größeren. Das letzte Mal hofften wir am späten Nachmittag auftreten zu dürfen oder die kleinen Festivals zu headlinen, diesmal hoffen wir, einfach auf größeren Festivals spielen zu können. … In Schweden und Dänemark sind es wieder die bekannten Spielorte, in den Niederlande nur Amsterdam. Ansonsten gibt es auch ein paar neue Venues in altbekannten Städten.

Die Kampagne, die es in Norwegen zu eurer ersten Singleauskopplung “Hjerteknuser” gab, ist ziemlich interessant …

Janove: Das war die Idee unserer Promotion-Crew. Es wurde ein Wettbewerb auf die Beine gestellt, in  Rahmen dessen Bands und Künstler ihre eigene Version des Songs veröffentlichen konnten – einen Monat, bevor wir mit unserer Version rausgingen. Sie bekamen dazu nur die Noten und den Text. Insgesamt nahmen 109 Bands teil und es wurde ein großer Erfolg. Als wir dann unsere (Original)Version veröffentlichten, fanden manche sogar die Top-Drei Gewinner besser. Das ist cool, denn es zeigt, wie viel in dem Song versteckt ist. Es ist nur eine Frage des Arrangements.

Jetzt, wo so viel mit Kaizers zu tun ist, bleibt denn da noch Zeit für eure ganzen Seitenprojekte?

Øyvind: Ich werde weiterhin etwas mit Cloroform machen, aber es ruhig angehen lassen. Ich denke wir werden nichts aufnehmen.

Janove: Ihr wart aber auf Tour …

Øyvind: Ja, das stimmt. Ansonsten werde ich wieder einige freie Improvisationen machen und viel Zeit mit meiner Familie verbringen.

Janove: Terje war mit Skambankt  beschäftigt und wird voraussichtlich bis Weihnachten fertig werden. Und dann ist es Zeit für Kaizers Orchestra!!

Ja, danach hört es sich an! Wir sehen uns auf Tour!!

Grüner Salon

Am Abend noch geben Janove und Øyvind im Grünen Salon in Berlin eine Kostprobe des neuen Albums. Live gespielt – mit dem Jackal am Klavier und Øyvind am Bass – werden „Psycho under min hatt“ („Psycho unter meinem Hut“), „Femtakt filosofi“ („Philosophie im Fünfvierteltakt“) und „Din kjole lukter bensin, mor“ („Dein Kleid riecht nach Benzin, Mutter“). Außerdem bekommt das Publikum die Albumversionen von „Philemon Arthur & The Dung“, „Hjertekunser“ („Herzensbrecher“) und „En for orgelet, en for meg“ („Einen für die Orgel, einen für mich“) vorgespielt. Zu Letzterem hat Janove anzumerken, dass Kaizers eigentlich eine Rapband seien (was dieses Lied ganz besonders zeige … ehem … der Mann neigt zu Übertreibungen), und dass es eine Aktion geben werde, in deren Rahmen ein Rapper aus jedem Land, in dem das Album erscheint, zum Lied rappe. In Deutschland, so heißt es im Anschluss, sei es der Rapper Prince Pi. Diese Band ist halt immer für eine Überraschung gut!

Ein spannender Tag ist zu Ende, aber was noch viel schöner ist: Nächstes Jahr geht es erst richtig los. Das neue Album, in das ich schon reinhören konnte, lässt keine Kaizerfanwünsche offen, das ist schon mal sicher! Die Rezension findet ihr bald hier auf www.kaizers.de. Und was die Tour angeht, wir wissen nicht viel, aber können alles erwarten!!

Save me Kaizer